Heiko Faure, Competence Center Transformation Services, Bechtle
Wenn ich heute auf KI schaue, dann denke ich immer weniger an „Technologie" – und immer mehr an Energie.
Energie, die plötzlich verfügbar ist. In Mengen. Und zu Kosten, die sich vor zwei Jahren noch nach Science-Fiction angefühlt hätten. Und wie bei jeder neuen Energiequelle gilt: Wer sie klug nutzt, verändert, wie Arbeit gemacht wird. Wer sie ignoriert, merkt irgendwann nur noch: Wir strampeln – aber kommen nicht mehr hinterher.
Genau deshalb heißt dieses Buch für mich nicht zufällig „KI statt K.O.".
Warum man KI gerade jetzt nutzen muss, um nicht K.O. zu gehen
„Jetzt" ist nicht einfach ein Zeitpunkt. „Jetzt" ist eine Schwelle.
Wir erleben, dass Technologie exponentiell voranschreitet – während Organisationen (und auch wir Menschen) eher linear funktionieren. Das ist kein Vorwurf. Das ist Biologie und Soziologie: Wir sind darauf gebaut, Muster zu stabilisieren, nicht permanent neu zu erfinden. Unternehmen lieben Planbarkeit, Rollen, Prozesse, Zuständigkeiten. Das hat uns weit gebracht.
Nur: KI fragt nicht, ob unser Operating Model bereit ist.
KI wird produktiv, während wir noch diskutieren. KI verschiebt Wertschöpfung, während wir sie noch in Pilotprojekten „testen". KI wird zur stillen Erwartung – von Kunden, Mitarbeitenden, Märkten – während wir sie noch als Tool-Entscheidung behandeln.
Und genau da entsteht das K.O.-Risiko.
Nicht, weil KI „alles übernimmt". Sondern weil die Dynamik steigt: Informationsflüsse, Entscheidungsdichte, Geschwindigkeit, Erwartungsdruck. Wenn wir dann weiterhin arbeiten wie gestern – Meetings, Abstimmungsschleifen, PowerPoints, manuelle Routinen, Suche nach Informationen, Copy-Paste-Organisation – dann haben wir irgendwann das Gefühl, permanent im Sprint zu sein, aber nur auf dem Laufband.
K.O. ist in meiner Beobachtung selten ein plötzlicher Knockout. Es ist eher ein schleichender Zustand:
- Du wirst langsamer, obwohl du mehr arbeitest.
- Du triffst Entscheidungen später, weil du mehr Optionen siehst.
- Du verlierst gute Leute, weil sie im Alltag keine Luft mehr haben.
- Du verwechselst Aktivität mit Wirkung.
KI ist für mich deshalb nicht „nice to have". KI ist ein Mittel, um wieder Handlungsfähigkeit herzustellen.
Der Punkt, den viele unterschätzen: KI ist kein Tool-Rollout, sondern #changeofwork
In meinen Projekten rund um Copilot und GenAI sehe ich ein Muster, das fast immer gleich ist: Am Anfang steht Euphorie. Dann kommen Widerstände. Dann kommt – leise, aber zuverlässig – die Ernüchterung. Nicht, weil die Technologie schlecht wäre. Sondern weil die Realität komplex ist: Datenzugriff, Qualität, Sicherheitslogiken, Use Cases, Lernkurve, Zeit. Und irgendwann fällt dieser Satz: „Wir haben es ausgerollt – aber irgendwie nutzt es keiner richtig."
Das ist kein „User-Problem". Das ist ein Organisationsproblem.
Wenn KI in der Organisation wirklich Wirkung entfalten soll, reicht kein statisches Zielbild und kein einmaliger Rollout. Entscheidend ist die Anpassungsfähigkeit – und die entsteht nicht durch eine Lizenz, sondern durch Führung, Kultur, Lernen, klare Leitplanken und eine sehr praktische Frage: Wie verändert sich Arbeit – und wie begleiten wir das?
In unserem „AI-Driven Organisation"-Denken in meinem eigenen Competence Center Team haben wir das bewusst nicht als Reifegrad-Schablone formuliert, sondern als Bewegung – mit Übergängen und Gatekriterien, die Veränderung ermöglichen:
- Zentral gesteuert: Erstmal Ordnung schaffen. Governance, Leitplanken, technologische Basis, Klarheit über Regeln.
- Hub & Spoke: Skalieren mit Struktur. Business-nahe Use Cases, hybride Teams, Enablement, Communities, Lernen in der Breite.
- Embedded: KI ist Teil des Operating Models. Rollen, Prozesse, Kultur und Verantwortungslogik wachsen synchron mit der Technologie.
Diese drei Phasen sind für mich kein Lehrbuch. Sie sind ein sehr praktischer Blick auf die Realität: Organisationen müssen KI nicht „einführen", sie müssen KI einbetten – und zwar so, dass Verantwortung, Entscheiden und Lernen mithalten.
Und das ist der Kern, warum ich dieses Buch wichtig finde: Es geht nicht um ein Feature-Update. Es geht um die Frage, wie wir als Organisation nicht nur schneller, sondern besser werden.
Was mein persönlicher Antrieb war, an diesem Buch mitzuschreiben
Es gibt eine berufliche Antwort. Und eine private.
Beruflich: Ich begleite seit Jahren Transformationen. Und ich habe zu oft gesehen, wie wir in Organisationen großartige Ideen haben – aber sie im Alltag versanden. Nicht, weil Menschen nicht wollen. Sondern weil wir unterschätzen, was Veränderung wirklich kostet: Aufmerksamkeit, Zeit, Mut zur Klarheit, Durchhaltevermögen.
KI ist da brutal ehrlich. Sie verzeiht keine Unklarheit. Wenn Daten schlecht sind, wird die Antwort schlecht. Wenn Use Cases nicht passen, bleibt's Spielerei. Wenn Führung nicht mitzieht, bleibt's Folklore.
Ich wollte mit diesem Beitrag ein Gegengewicht setzen zu dem gefährlichen Narrativ: „KI macht das schon." Nein. KI macht gar nichts „von allein". KI verstärkt. KI beschleunigt. KI spiegelt. Aber gestalten müssen wir.
Privat: Ich habe irgendwann angefangen, mein Leben stärker als „Werk" zu verstehen. Nicht im Sinne von Performance. Sondern im Sinne von Bewusstheit.
Mit Blick auf meine eigene „Lebensvision" habe ich in Anlehnung an Big-5-For-Life einmal W.O.C.H.E. definiert, das mich immer wieder einfängt: Woche für Woche bewusst eine Sache tun, die zu meinen großen Linien passt – West (Freiheit durch Segeln), Ost (Reisen mit Entschleunigung), Cover (Sichtbarkeit als Symbol für Transformation), Health (körperlich und mental leistungsfähig bleiben), Entwicklung (anderen helfen, Chancen schaffen).
Und wenn ich darüber nachdenke, hat KI für mich auch mit diesen Linien zu tun:
- Freiheit entsteht nicht nur durch weniger Arbeit – sondern durch bessere Arbeit.
- Entschleunigung ist kein Zustand, sondern eine Entscheidung: Was lasse ich bleiben, was automatisiere ich, was delegiere ich an Systeme – und was mache ich bewusst selbst?
- Sichtbarkeit heißt auch Verantwortung: Ich will nicht über KI reden, als wäre sie ein Trend. Ich will zeigen, was sie in der Realität bedeutet – mit all den Ambivalenzen.
- Health hängt daran, ob ich dauerhaft im Dauerfeuer stehe – oder ob ich mir Strukturen baue, die Luft lassen.
- Entwicklung heißt für mich: Menschen in dieser Veränderung nicht allein lassen. Nicht mit Buzzwords. Sondern mit Orientierung und Werkzeugen.
Ich habe mitgeschrieben, weil ich die Erfahrung gemacht habe: Wenn wir KI ernst nehmen, dann müssen wir auch Menschen ernst nehmen. Ihre Unsicherheit. Ihre Neugier. Ihre Zeitnot. Ihre Verantwortung.
Und weil ich überzeugt bin, dass wir jetzt eine seltene Chance haben: Arbeit neu zu denken – nicht nur schneller, sondern menschlicher.
„Frontier Firm" ist für mich kein Zielbild – sondern eine Haltung
Ich mag den Begriff „Frontier Firm", weil er nicht so tut, als gäbe es einen Endzustand. Eine Frontier ist keine Stadtmauer, hinter der alles fertig ist. Eine Frontier ist eine Kante. Bewegung. Lernen. Orientierung in Unsicherheit.
Und genau das braucht es:
- Leitplanken statt Luftschlösser (Governance, Sicherheit, Klarheit).
- Lernen als Routine, nicht als Event (Enablement im Alltag, Communities, Best Practices).
- Entscheiden mit Verantwortung (KI kann Vorschläge machen – aber Entscheidung und Haltung bleiben menschlich).
- Führung als Rolemodel (nicht predigen, sondern nutzen; nicht kontrollieren, sondern ermöglichen).
Wenn dieses Buch einen Beitrag leistet, dann hoffentlich den: Dass KI nicht als Bedrohung oder Spielzeug endet, sondern als Hebel für eine Organisation, die wacher, wirksamer und anpassungsfähiger wird.
Mein Wunsch an die Leserinnen und Leser
Vielleicht lesen Sie dieses Buch, weil Sie neugierig sind. Oder weil Sie Druck spüren. Oder weil Sie einen Einstieg suchen.
Mein Wunsch ist simpel: Nehmen Sie KI nicht als „Projekt", das man abhaken kann. Nehmen Sie KI als Einladung, Arbeit neu zu gestalten.
Und wenn Sie nur eine Sache mitnehmen, dann diese: KI wird nicht entscheiden, ob Sie K.O. gehen. Aber Ihre Organisation wird entscheiden, ob sie sich bewegt – oder stehen bleibt.
Ich hoffe, mein Beitrag hilft dabei, diese Bewegung ein Stück leichter, klarer und menschlicher zu machen.
Beitrag im Buch
Video
Erfahrungen aus der Einführung von generativer KI mit Fokus auf Microsoft Copilot